An einem Informationsanlass in Glattfelden musste die Nagra Kritik einstecken.
Dies, weil es noch rund zwei Jahre dauern dürfte, bis ein Bericht zur Standortempfehlung vorliegt.
Die Nagra, das Bundesamt für Energie und Regierungsrat Martin Neukom touren derzeit durch das Unterland. Am Dienstagabend machten sie in Glattfelden halt, um die besorgte Bevölkerung über das geplante Tiefenlager im Haberstal zu informieren. Sie beantworteten über 20 Fragen des Publikums. Doch vor allem gab es auch Kritik. Besonders sauer stiess einigen der Zuhörerinnen und Zuhörer auf, dass sie sich weder im Vorfeld noch aktuell auf der Website der Nagra über die genauen Hintergründe der Standortempfehlung informieren können. Zwar hat die Nagra inzwischen über 1000 Dokumente sowie sämtliche Rohdaten veröffentlicht, die dem Entscheid zugrunde liegen. Doch ein eigentlicher Bericht, der erklärt, weshalb Nördlich Lägern im Vergleich zu den anderen Optionen am geeignetsten ist, fehlt. Und das wird sich wohl erst in zwei Jahren ändern.
Die Stimmung des Publikums pendelte sich kurz nach 19 Uhr irgendwo zwischen angespannter Erwartungshaltung und herausfordernder Konfrontationsbereitschaft ein. Die Nagra, das Bundesamt für Energie (BFE) und Baudirektor Martin Neukom gastierten am Dienstagabend im Seminarraum des Hotels Riverside in Glattfelden. Das Ziel: Die besorgte Bevölkerung sollte über die Entscheidungsgrundlagen für das geplante Tiefenlager im benachbarten Stadel informiert werden. Über 100 Personen nahmen an der Informationsveranstaltung teil. Matthias Braun, CEO der Nagra, Clemens Bolli vom Bundesamt für Energie (BFE) und der Regierungsrat kürzten ihre Ausführungen im Vergleich zu früheren Auftritten wie etwa in Stadel wohlweislich auf knapp 45 Minuten herunter, um mehr Zeit für Fragen aus dem Publikum zu haben.
1000 Dokumente – doch ein wichtiges fehlt Und davon gab es reichlich. Über 20 Fragen waren noch während der Präsentation bei Gemeindeschreiber Valentino Vinzens eingegangen, weitere wurden direkt von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gestellt. Besonders für Kritik sorgte die Informationsstrategie. «Es wurde nun erklärt, dass der Kriterienkatalog erdrückend den Standort Nördlich Lägern favorisiert», führte ein Votant zu diesem Thema aus. Er erinnerte daran, dass dieser Standort aber 2015 nicht mehr hatte berücksichtigt werden sollen, weil damals zu viel dagegensprach. «Ich konnte unter den 1000 Dokumenten auf der Website der Nagra keines finden, welches aufzeigt, welche 13 Kriterien damals dazu geführt haben, dass Nördlich Lägern 2015 nachteilig beurteilt wurde. Gibt es ein solches?»
Die Reihenfolge der Informationen als Zankapfel Damit eröffnete er die Diskussion um die Vorgehensweise der Nagra. Denn Nagra-CEO Matthias Braun konnte sehr wohl erklären, weshalb der Standort inzwischen so gut beurteilt wird. Und was sich seit 2015 geändert hatte. Der damalige Kenntnisstand der Erdschichten im Bereich Nördlich Lägern unterschied sich deutlich von der heutigen Beurteilung, die auf viel mehr Bohrungen und Messdaten beruht. Und diese zeigen auf, dass das Erdreich im Bereich Stadel, Weiach und Glattfelden stabil genug ist, um zu verhindern, dass das Tiefenlager von den darüber liegenden Gesteinsschichten erdrückt wird. Aus diesem Grund gibt es nun auch genügend Platz für ein Endlager in dieser Tiefe. Vor 2015 befürchtete man aber eben, dass die Dimensionen am Standort Nördlich Lägern nicht ausreichend gross sind. In die Bredouille kamen Braun von der Nagra und Clemens Bolli vom Bundesamt für Energie, weil die Informationen diesbezüglich nur schwer für die Bevölkerung einsehbar sind. Also wurden sie mit Fragen nach den entsprechenden Dokumentationen zu diesen Erkenntnissen gelöchert. «Wir haben eine Präsentation zu den 13 Kriterien, die wir an der nächsten Regionalkonferenz zeigen werden », versprach Braun. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) und auch das BFE verfügten bereits über diese Präsentation. Doch was fehlt, ist der entsprechende Bericht dazu. «Das heisst, wir sitzen heute hier, und Sie sagen uns, dass unser Standort der beste ist für ein Tiefenlager. Sie haben also zwar einen Standort publiziert, aber noch gar nicht den entsprechenden Bericht dazu geschrieben», kritisierte der Votant. Das finde er vom Ablauf her komisch. «Wir haben uns für Transparenz entschieden», erklärte Matthias Braun. Man habe so schnell wie möglich informieren wollen, sobald man gewusst habe, welcher Standort klar der beste sei – auch wenn der entsprechende Bericht noch nicht verfasst sei. «Die Alternative wäre gewesen, unsere Empfehlung noch lange geheim zu halten und die Dokumente so lange im stillen Kämmerlein zu verfassen. » Das wäre aber nicht transparent gewesen.
Für viele Fragen ist es schlicht zu früh Es ist auch nicht damit zu rechnen, dass die entsprechenden Papiere in den nächsten Tagen vorliegen. «Wir rechnen mit etwa zwei Jahren, es gibt über 150 Berichte, die wir noch verfassen müssen», so Braun. Immerhin: Sämtliche Rohdaten hat die Nagra veröffentlicht. In vielen anderen Themen zeigte sich, dass die Verunsicherung und der Wissensdurst in der Bevölkerung zwar gross sind, doch dass die Zeit für konkrete Antworten aber noch nicht gekommen ist. So wurden etwa Fragen nach dem Abtransport des Aushubs gestellt, mit wie vielen Lastwagen allenfalls zu rechnen wäre oder auch wie viele Arbeitsplätze durch die Bauarbeiten zu erwarten sind. Doch konkrete Angaben dazu konnten die Redner kaum machen, es ist schlicht noch zu früh dafür. Wie Braun, Bolli und Neukom bei diesen und ähnlichen Fragen zu den konkreten Dimensionen oder Auswirkungen des Projekts erklärten, stehen und fallen die Antworten mit dem Baugesuch und dem Zeitpunkt der Realisierung. Man setze aber darauf, in vielen dieser Themen aktiv mit den betroffenen Gemeinden zusammenzuarbeiten. In dieselbe Richtung mussten Fragen beantwortet werden, die finanzieller Natur waren. Martin Neukom betonte erneut, dass es keine rechtliche Grundlage für solche Abgeltungen gebe. «Der Bund hat sich damals dagegen entschieden, solche Abgeltungen im Gesetz festzuschreiben. Wir werden verhandeln müssen», sagte der Regierungsrat. Zurzeit stehe die Zahl von rund 800 Millionen Franken im Raum. «Aber was mit diesem Geld passiert, ist derzeit noch offen.» Man werde diskutieren müssen, welche Gemeinden überhaupt Gelder erhalten würden. Und dann, was man damit machen werde.
Hauseigentümer gehen bei Wertverlust wohl leer aus nicht vorgesehen sei aber, dass ein Teil dieser Abgeltungen an Liegenschaften Eigentümer gehen würde, um einen allfälligen Wertverlust durch das Tiefenlager zu kompensieren. Das sei aber sowieso ein schwieriges Thema, so Neukom. «Stellen Sie sich vor, Sie besitzen ein Haus an einer Kantonsstrasse. Und Jahr für Jahr fahren dort mehr Autos vorbei. Dann sinkt der Liegenschaftenwert, aber Sie können den Kanton trotzdem nicht dafür einklagen.» So sei aktuell die gesetzliche Grundlage, entsprechend dürfte es auch schwierig werden, wegen eines Tiefenlagers einen Wertverlust einzuklagen.
Nach knapp zwei Stunden ist Schluss Tatsächlich gelang es der Gemeinde Glattfelden, Regierungsrat Martin Neukom, Clemens Bolli vom BFE und Nagra-CEO Matthias Braun, bis um 21 Uhr sämtliche Fragen soweit möglich zu beantworten. Und die Gäste standen anschliessend auch beim Apéro noch für weitere Informationen zur Verfügung. Sämtliche Bedenken der Bevölkerung ausgeräumt haben dürften sie mit dem Anlass kaum, das ist aber zum jetzigen Zeitpunkt auch gar nicht möglich. Beruhigen dürfte die Befragten allerdings, dass kaum Fragen gestellt wurden, welche Zweifel an der Standortwahl schürten. Die Hintergründe der Entscheidung scheinen kaum umstritten zu sein, zumindest diesseits der Grenze. Im benachbarten Hohentengen (D) ist die Kritik deutlich lauter. In Glattfelden zeigte sich dagegen vor allem, dass die Nagra, der Bund und der Kanton darauf achten müssen, wie und wann sie zum Tiefenlager kommunizieren. Denn diesbezüglich ist die Nachfrage nach Information derzeit grösser als das Angebot.
Quelle: Zürcher Unterländer vom 29. September 2022

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